Schwertkunde: Schwerter der europäischen Antike

Nachdem wir im ersten Teil unserer Schwertkunde den Aufbau eines Schwertes anschaulich dargestellt und grundlegende Begriffe erläutert haben, widmen wir uns nun einigen Schwertern der klassischen Antike in Europa, welche die Entwicklung hin zum Wikingerschwert und somit auch zum mittelalterlichen Schwert maßgeblich prägten: Waffen wie Kopis, Gladius, Sax und Spatha!

Die Geschichte des Schwertes reicht allerdings noch weiter zurück. Die ältesten schwertähnlichen Fundstücke aus der Türkei konnten auf das Jahr 3300 v. Chr. datiert werden. Nach der vorherrschenden Meinung von Experten wie Historikern handelt es sich dabei – streng genommen – jedoch noch nicht um Schwerter der Bronzezeit, sondern “nur” um lange Dolche. Als frühe bronzezeitliche Beispiele dienen die beiden ca. 1600 v. Chr. gefertigten Griffplattenschwerter von Nebra, die 1999 zusammen mit der berühmten Himmelsscheibe ausgegraben wurden.

Aufgrund der zunehmenden Verbreitung immer fortschrittlicher werdender Techniken der Eisenverarbeitung (den Hethitern gelang etwa um 1400 v. Chr. erstmals die Herstellung von Stahl) verdrängten eisenzeitliche Schwerter ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. nach und nach jene der Bronzezeit. Insbesondere die Erkenntnis, dass eine Eisen-Kohlenstoff-Legierung (Stahl) die besten Eigenschaften für eine Schwertklinge mit sich bringt, war wegweisend: Die Klinge eines Schwerts konnte nun zugleich hart und flexibel gefertigt werden, wodurch sich das Risiko verbogener oder gebrochener Klingen radikal reduzieren ließ.

Da Karbonstahl (auch bekannt als Kohlenstoffstahl oder Federstahl, wegen seiner Flexibilität) aufgrund seiner Materialeigenschaften bis heute als das Maß aller Dinge bei der Herstellung von echten Schwertern gilt, änderte sich im Wesentlichen “nur noch” Form und Größe der Schwerter der europäischen Antike, wie Sie an den nachfolgenden anschaulichen Beispielen gut erkennen können!

Die Kurzschwerter der Griechen

Im Griechenland der Antike dienten Kurzschwerter den Lanzen tragenden Hopliten als Seitenwaffen für den Nahkampf. Ein schönes Beispiel für eine solche Waffe ist unser Spartanisches Kurzschwert. Dessen Klinge hat die Form eines Blattes, die zu dieser Zeit weit verbreitet war und z.B. von vielen germanischen und keltischen Stämmen bevorzugt wurde.

Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. ergänzte der Kopis (vgl. die Falcata) mit seiner nach innen gekrümmten, einschneidigen Klinge die Bewaffnung der Hopliten um ein von den Feinden gefürchtetes Hiebschwert. Der Kopis wurde bis ca. 100 n. Chr. von den Griechen und auf der iberischen Halbinsel als Falcata eingesetzt.

Eckdaten Falcata
Verbreitungszeit: 5. Jhd. v. Chr. – 1. Jhd. n. Chr.
Gesamtlänge: ca. 65 – 70 cm
Klingenlänge: ca. 50 cm

Der Gladius der Römer

Der Gladius (von lat. gladius = Schwert) war für lange Zeit die bevorzugte einhändig zu führende Waffe im antiken römischen Weltreich. Von etwa 300 v. Chr. bis 300 n. Chr. führten Infanteristen der römischen Legionen jene Kurzschwerter, die noch heute als “Gladius” bezeichnet werden (im damaligen Sprachgebrauch war jedes Schwert ein “Gladius”). Dazu gehören u.a. die wohl bekanntesten Typen “Mainz” und “Pompeji”, die sich (meist) nur hinsichtlich ihrer Klingenform unterscheiden – während die Klinge beim “Pompeji”-Typ gerade verläuft, ist sie bei der Variante “Mainz” blattförmig verjüngt. Beide besitzen den weitgehend identischen, markanten Griff mit kugelförmigem Knauf und eignen sich in erster Linie für Stiche aus enger Kampfformation heraus, wobei die zweischneidige Klinge auch Hiebe ermöglicht.

Eckdaten Gladius
Verbreitungszeit: 3. Jhd. v. Chr. – 3. Jhd. n. Chr.
Gesamtlänge: 70 – 75 cm
Klingenlänge: 50 – 55 cm

Das Sax der Germanen

Was das Gladius um die Zeitenwende für die Römer war, das war das Sax für die germanischen Stämme! Von etwa 300 v. Chr. an kamen Saxe als Jagdwaffe und militärische Waffe zum Einsatz. Bei diesen Saxen, denen die Sachsen ihren Namen verdanken, lief der Klingenrücken ohne Absatz in die Griffangel über, was deren charakteristische Form bedingte. Bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. veränderten sich diese simpel konstruierten, einschneidigen Hiebschwerter kaum, weswegen man diese Gattung als vor-merowingerzeitliche Saxe bezeichnet. Ab 400 n. Chr. differenziert man verschiedene Gattungen, die unterschiedliche Anforderungsprofile erfüllten: Der Kurzsax fand als dolchartiges Stoßmesser Verwendung, Schmal- und Breitsax wurden wie Macheten eingesetzt und der Langsax wurde ähnlich wie ein Schwert geführt.

Eckdaten Sax
Verbreitungszeit: 4. Jhd. v. Chr. – 5. Jhd. n. Chr.
Gesamtlänge: 50 – 100 cm
Klingenlänge: 40 – 80 cm

Die Spatha als Wegbereiter “moderner” Schwerter

Die von den Kelten als Reiterschwert verwendete Spatha ist der Dauerbrenner der europäischen Antike. Angeworbene keltische Reitertruppen brachten die Spatha nach Rom, wo sie den Weg in das römische Arsenal fand. Das zweischneidige und vorwiegend zum Hieb konzipierte Schwert kam unter Kaiser Hadrian bei den regulären römischen Reiterverbänden zum Einsatz und löste später sogar das Gladius bei den Fußtruppen ab. Um die Zeitenwende herum hatten auch die Germanen die Spatha von den Kelten übernommen und weiterentwickelt, weshalb es im Zuge der Völkerwanderung praktisch europaweit Verbreitung fand.

Als Vorläufer des Wikingerschwertes und damit auch des mittelalterlichen Ritterschwertes war die Spatha bis ins 11. Jahrhundert hinein auf den Schlachtfeldern Europas präsent, auch wenn mit dem Aufkommen der Wikingerschwerter im 7. und 8. Jahrhundert der Stern der Spatha bereits unterging.

Eckdaten Spatha
Verbreitungszeit: 3. Jhd. v. Chr. – 11. Jhd. n. Chr.
Gesamtlänge: 75 – 110 cm
Klingenlänge: 55 – 100 cm