Legenden des Wilden Westens: James Bowie und sein Messer

Bowiemesser gehören zu der amerikanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts wie der Colt oder die Winchester, und der Name seines ursprünglichen Trägers James „Jim“ Bowie reiht sich ein in die Liste der legendären Gestalten, wie Davy Crockett, Wyatt Earp, Buffalo Bill und ähnlichen „Helden“ der US-amerikanischen Kultur. Aber eine solch verwegene Biografie, wie die von Bowie, war selbst für Zeitgenossen entlang der „American frontier“ ungewöhnlich und somit der Stoff für eine rege Legendenbildung.

James Bowie war eines von zehn Kindern, deren Vater im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte. Geboren wurde er im April 1796 in Kentucky, wuchs jedoch im Grenzland von Spanish Louisiana auf (womit die amerikanische „frontier“ gemeint ist, gleichbedeutend mit der Grenze westlicher Besiedlung und Organisationsstrukturen, und somit auch der Obrigkeit). Hier lernte er, eine Farm zu führen, zu Jagen und zu Fischen und machte sich bereits in jungen Jahren einen Namen durch seine Furchtlosigkeit. Angeblich hat er bereits als Jugendlicher einen Bären getötet, sowie Alligatoren mit Lassos gefangen – allerdings setzt hier sicher auch schon eine Vermischung von Realität und Legendenbildung ein. Bezeugt ist hingegen, dass er sich mit seinem Bruder Rezin Pleasant Bowie als Freiwilliger für den Kampf im amerikanisch-englischen Krieg von 1812 einschreiben ließ, allerdings zu spät für den aktiven Einsatz. Etwa 1818/1819 – nach dem Tod des Vaters – begannen die Brüder eine Karriere als Grundstücksspekulanten. Die Zeit war günstig, denn Louisiana erlebte einen massiven Bevölkerungszuwachs, allerdings fehlte den beiden das Kapital. So machten sie sich ein neues Gesetz zunutze, das die Einfuhr von Sklaven unterbinden sollte und jedem, der einen Schmuggler anzeigte, die Hälfte des eingenommenen Auktionspreises zusprach. Also machten sie gemeinsame Sache mit dem Piraten Jean Lafitte auf Galveston Island, von dem sie Sklaven kauften und sich im Anschluss sofort selber bei den Behörden anzeigten. Die ausgelieferten Sklaven wurden auf einer Auktion angeboten, die Bowie-Brüder kauften sie zurück und bekamen den halben Preis erstattet. Anschließend verkauften sie sie wieder zu einem höheren Marktwert in New Orleans. Nach diesem Schema machten sie über die Jahre einen großen Gewinn, den sie für ihre Spekulationen einsetzen konnten.

Im weiteren Verlauf kauften sie eine Zuckerrohr-Plantage nahe Alexandria und installierten dort eine der ersten dampfgetriebenen Zuckermühlen. Hier wurde James Bowie zur internationalen Berühmtheit – allerdings aus anderen Gründen. Als Folge einer privaten Fehde mit Norris Wright, dem Sheriff von Rapides Parish, schoss dieser auf Bowie und verwundete ihn. Dennoch versuchte er, Wright mit bloßen Händen zu töten, was allerdings von Freunden des Sheriffs unterbunden wurde. Daraufhin schwor er sich, nie wieder ohne sein Messer auf die Straße zu gehen, welches er von seinem Bruder Rezin geschenkt bekam. Diese Stichwaffe, eine Mischung aus langem, spanischem Jagdmesser und klassischem Schlachtermesser war im oberen Drittel markant geschwungen und besaß an dieser Stelle eine Rückenschneide. Zudem war es mit einer kurzen Parierstange versehen. Ob diese Klinge nun ein Entwurf von Rezin oder dem beauftragten Schmied Jesse Clift war, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Doch so oder so sollte sie im spektakulären „Sandbar Fight“ unsterblich werden.

Am 19. September 1827 kam es auf einer Sandbank außerhalb der Stadt Natchez in Mississippi zu einem Duell zwischen zwei Opponenten, welches jedoch mangels Treffer mit einem Handschlag beendet wurde. Allerdings kam es unter den verfeindeten Gruppen der Schaulustigen zu einem Schusswechsel, bei dem auch die anwesenden James Bowie und der besagte Sheriff Norris Wright beteiligt waren, die jeweils die gegnerische Seite unterstützten. Laut übereinstimmender Zeugenaussagen wurde zuerst auf Bowie geschossen und in der Hüfte getroffen. Dennoch stand er wieder auf, attackierte seinen Angreifer mit dem berühmten Messer und wurde durch einen Schlag auf den Kopf mit einem Pistolengriff (wobei dieser zerbrach) erneut auf die Knie gezwungen. Ein Schuss von Wright verfehlte ihn, also nahm er seinen Stockdegen und bohrte ihn Bowie durch die Brust. Noch vor dem Herausziehen der Klinge rappelte sich unser Protagonist auf und tötete Wright mit dem Messer. Bowie, noch immer mit der Klinge in der Brust, wurde abermals von einer Kugel getroffen und von einem Messer verwundet, zog den Degen aus seinem Oberkörper, schnitt einem Gegner damit den Arm ab und wurde wieder von einer Kugel getroffen. Die anwesenden Ärzte, die dem eigentlichen Duell beiwohnten, konnten James Bowie wieder zusammenflicken. Er überlebte (was einer der Ärzte folgendermaßen kommentierte: „How he lived is a mystery to me, but live he did“). Was nach einer hanebüchenen Story aus einem Western-Groschenroman klingt, wurde von ebenfalls anwesenden Reportern bezeugt und landesweit in zahlreichen Zeitungen minutiös wiedergegeben. Auch die Beschreibung des „Bowie-Messers“ wurde so detailliert gehalten, dass sich zahlreiche Schmiede erfolgreich auf die Produktion solcher Messer verlegen konnten, um diese gewinnbringend an Siedler auf dem Treck nach Westen zu verkaufen. Sogar einige „Bowie knife schools“ wurden im Südwesten der USA eröffnet, die „die Kunst von Hieb, Stich und Parier“ mit dem Messer vermitteln wollten.

Auch James Bowie, oftmals Jim genannt, arbeitete weiter an seinem Ruhm. Nach der Erholung vom „Sandbar Fight“ siedelte er nach Texas über – damals Mexiko zugehörig – und nahm die mexikanische Staatsbürgerschaft an. Durch seine fließenden Spanisch-Kenntnisse konnte er dort schnell Fuß fassen, er nahm seine Profession als Grundstücksspekulant wieder auf und wurde zudem 1830 von Stephen F. Austin zum Colonel der neu gegründeten Texas Ranger ernannt. Nach seiner Heirat mit der Tochter des texanischen Vize-Gouverneurs machte er sich einen Namen als kluger Taktiker und Befehlshaber, unter anderem, als er während einer Expedition nach der verschollenen San Saba-Mine aus einer Schlacht gegen zahlenmäßig weit überlegene Apachen siegreich hervorging. Weiteren Ruhm bescherten ihm die „Schlacht von Concepción“ und der sogenannte „Grass Fight“ im Zuge der Texanischen Revolution, doch Bowie wurde zunehmend zu einem starken Trinker und „careless in his dress“, nachdem seine Frau und Kinder durch eine Cholera-Epidemie dahingerafft wurden.

Dennoch schien er am 19. Januar 1836 darüber hinweggekommen zu sein, als er dem Befehl des späteren Präsidenten der Republik Texas Sam Houston folgte, um mit 30 Männern die strategisch wichtige Festung Fort Alamo zu zerstören. Sie sollte nicht in die Hände des mexikanischen Präsidenten Santa Anna fallen, der gerade mit einer Truppenstärke von 4.500 Männern in Texas einmarschierte. Bowie allerdings widersetzte sich diesem Befehl und schloss sich den verbliebenen 104 Männern unter Kommandant James C. Neill an, um trotz aussichtsloser Unterzahl das Fort mit allen Mitteln zu halten. In den nächsten Wochen erschienen noch William Travis mit 30 Männern und Davy Crockett mit zwölf weiteren.

Nachdem der Kommandant des Forts die Mission verlassen hatte, um seine kranke Familie zu besuchen, wählten die verbliebenen Männer Bowie zu ihrem Anführer. Das allerdings war für Bowie ausreichender Anlass, sich zu betrinken und das Fort beinahe im Gelage zu verwüsten. Die Männer kamen darauf zu dem Schluss, dass es vielleicht doch besser wäre, wenn Travis und Bowie sich das Kommando teilten. Als die Belagerung von Alamo schließlich am 24. Februar begann, war Jim Bowie bereits stark von einer fortschreitenden Tuberkulose-Erkrankung  geschwächt und bettlägerig, zeigte sich jedoch täglich vor den Truppen, um deren Moral zu stärken. Die Erstürmung durch die Mexikaner erfolgte schließlich am 6. März, an deren Ende kein texanischer Kämpfer mehr am Leben war. Über den Tod von Colonel James Bowie gibt es verschiedene Angaben, am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass er sich auf dem Bett an der Wand lehnend mit Pistole und Messer bis zum  Ende verteidigte. Die Schlacht von Alamo wurde zum Gründungsmythos der unabhängigen Republik Texas, die kurze Zeit später ausgerufen wurde, nachdem Sam Houston die Truppen von Santa Anna am 21. April 1836 bei der Schlacht von San Jacinto im Handstreich besiegte. Die Ereignisse rund um James Bowie und Fort Alamo wurden vielfach erfolgreich verfilmt.

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