„Siehst Du diese stolze Burg da drüben, mein Sohnemann? Am Bau dieser festen Mauern war dereinst Dein Vater beteiligt!“ Solche Sätze konnte wahrscheinlich schon sehr, sehr lange kein Vater mehr über die Lippen bringen, schließlich wurden seit gut 500 Jahren keine richtigen Burgen mehr gebaut. Schlösser vielleicht, ja, und protzige Villen in der Neuzeit sicherlich auch. Doch rustikale Trutzburgen, die einer Belagerung standhalten können, sind ein Relikt des Mittelalters. Sollte man meinen. Eine Ausnahme gibt es in Europa und sie befindet sich im Herzen der Puisaye, einer unberührten Region des Burgunder Departements Yonne, südlich von Paris. Hier haben sich bereits 1997 ambitionierte Menschen zusammengeschlossen, um mit den Mitteln des 13. Jahrhunderts die Burg Guédelon zu bauen. Die Ergebnisse sind bereits recht ansehnlich – fertig ist man noch lange nicht.
Michel Guyot, der 1979 das nahegelegene Schloss Saint-Fargeau für ein paar Tausend Francs kaufte und vor dem Zerfall rettete, ist der Initiator dieser – zunächst – recht abwegigen Idee. Er kaufte ein Stück Land nahe eines Steinbruchs mitten im Wald und mit Unterstützung ebenso enthusiastischer Unterstützer konnte er 1997 den Grundstein für die Burg legen. Zunächst als unseriös abgetan und müde belächelt, nahm das Projekt dennoch bald konkrete Formen an. Mediävisten, Archäologen und Fachkräfte aus Kultur, Handwerk und Bauwesen begannen, sich für diese ungewöhnliche Baustelle zu interessieren, auf der bis heute weder moderne Technik noch neuzeitliche Geräte zum Einsatz kommen (mit Ausnahme von Schutzbrillen und Sicherheitsschuhen). Durch diesen authentischen Ansatz, der auch den Prinzipien der Experimentellen Archäologie folgt, war es vonnöten, einige Bautechniken von Grund auf neu zu erlernen. Handwerker und Mitarbeiter sind in zeitgenössische Gewänder gekleidet und sämtliche Hilfsmittel werden auf der Baustelle selbst hergestellt. Dazu gehören Tretkräne, Lehrgerüste und Gewölbeschalungen, sowie großrädrige Pferdekarren für Transportarbeiten. So hat sich im Laufe der Jahre auf dem Gelände auch eine komplette Infrastruktur an Zuarbeitern entwickelt, die Dachschindeln, Körbe, Töpferwaren, Fliesen, Nägel, Werkzeuge, Seile, Balken, Wolle und Kleidung herstellen. Das benötigte Holz wird vor Ort im Wald geschlagen, die Steine aus dem angrenzenden Steinbruch geklopft, die Nägel werden von Hand geschmiedet und der Mörtel mittels Sand, Tonerde und gelöschtem Kalk angerührt. Diverses Nutzvieh wird selbstverständlich auch gehalten…
Frankreich und die EU unterstützen Guédelon schließlich mit 2,5 Millionen Euro und nach Auslaufen dieser Förderung kann die waghalsige Idee von Michel Guyot bereits auf eigenen Beinen stehen. Durch Spenden, Eintrittsgelder, Merchandising und Gastronomie finanziert sich das Projekt und sichert zudem die Arbeitsplätze von 50 Festangestellten, die jedes Jahr von März bis November den Bau der Burg vorantreiben. In der Hauptsaison werden sie von zusätzlichen 16 Freiwilligen begleitet, die oftmals studienbegleitend Erfahrungen aus erster Hand bekommen wollen. Doch auch für kurzfristigere Engagements steht Guédelon offen: Als “Bâtisseur” kann man für den Zeitraum zwischen drei und sieben Tagen bereits kurzfristige (aber dennoch intensive) Eindrücke dieser außergewöhnlichen Baustelle gewinnen. Längere Teilnahmen als Hilfskraft (“Stagiaire”) reichen von einer Woche bis zu einem Monat. Nähere Informationen erhält man hier. Warum also in den Sommerferien nicht einmal an einer Burg bauen? Am Strand rösten kann schließlich jeder… Außerdem gibt es auf diesem Bau noch eine ganze Weile was zu tun: Die Fertigstellung ist für das Jahr 2025 geplant, momentan wird also erst das Bergfest gefeiert!



Guédelon – chantiers médiévals – die Website der Burg in deutscher Sprache
Ozark Medieval Fortress – Website eines ähnlich gearteten Projekts in den USA