Wir schreiben das Jahr 2011. Ganz Deutschland ist ein vom Fortschritt geprägtes Fleckchen Erde. Ganz Deutschland? Nein! In einem beschaulichen, baden-württembergischen Städtchen namens Bretten hält einmal im Jahr das Mittelalter Einzug und verwandelt das Zentrum der Stadt in einen scheinbar nicht versiegen wollenden Quell mittelalterlicher Lebensfreude und Lebensart. Doch nicht nur das! Auch der Biedermeierzeit wird beim traditionellen Peter-und-Paul-Fest gehuldigt, welches in diesem Jahr in der Zeit vom 01. – 04. Juli stattfindet.
Warum eigentlich Peter und Paul? Der Name Peter-und-Paul-Fest geht auf den überlieferten Todestag der Apostel Simon Petrus und Paulus von Tarsus zurück, deren Gedenktag der 29. Juni ist, weswegen das Fest Jahr für Jahr am darauf folgenden Wochenende zelebriert wird. Die Ursprünge dieser traditionsreichen Veranstaltung gehen bis auf das Jahr 1824 zurück, denn die Gründung des Brettener “Bürgermilitärcorps” gilt als Geburtsstunde des Peter-und-Paul-Fests, wie wir es heute kennen. Gräbt man allerdings noch tiefer, so entdeckt man, dass die Wurzeln sogar bis ins späte Mittelalter hineinreichen.
Sogenannte Ladebriefe (keine Frachtbriefe, sondern vielmehr so etwas wie Einladungen) der Jahre 1517 und 1578, die bis heute erhalten geblieben sind, belegen bereits zu dieser Zeit die Existenz einer Schützengesellschaft. Die damaligen Wettschießen wurden über die Jahrhunderte ausgetragen und in den Jahren 1540, 1691 sowie 1760 bereits mit Volksfesten verbunden. Damals jedoch noch ohne besonderen, historischen Bezug. Dieser historische Bezug wurde durch die Statuten des bereits erwähnten “Bürgermilitärcorps” geschaffen, denn man verknüpfte das Wett- bzw. Freischießen mit dem Volksfest und den Feierlichkeiten zur Erinnerung an den legendären Ausfall der Brettener am 28. Juni 1504 (also am Vortag des Gedenktags des Hl. Petrus und Paulus), bei dem einige wenige Tausend Brettener Waffenträger und Landsknechte das 30.000 Mann starke Heer des Herzogs Ulrich von Württemberg in die Flucht schlugen. Das Schützenfest blieb Mittelpunkt des Peter-und-Paul-Fests, bis es 1848 zum vorläufigen Ende der Veranstaltung kommt: Die Badische Revolution, deren Ursprung in der Pariser Februarrevolution von 1848 lag, hatte zur Folge, dass nach dem Ende der Revolution sämtliche Waffen eingezogen wurden. Die Tradition des Peter-und-Paul-Fests wurde danach als Kinderfest fortgeführt.
In der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg lebte das Peter-und-Paul-Fest dank wieder gegründeter Schützenvereine kurzfristig neu auf und wuchs aufgrund der Förderung durch die Stadt zu einem städtischen Volksfest, bevor der Zweite Weltkrieg das zarte Pflänzchen erneut knickte. 1950 wurde das Fest mit Genehmigung der amerikanischen Militärregierung erneut ins Leben gerufen und mauserte sich mit Hilfe von der wieder aufgestellten Bürgerwehr, von Vereinen und von der Stadt zum bedeutendsten Volksfest der Region. Zu dieser Zeit wurden auch die mittelalterlichen Züge der Veranstaltung immer weiter ausgeprägt. Nicht zuletzt die Tatsache, dass der berühmteste Sohn der Stadt – der Theologe und Reformator Philipp Melanchthon – die Ereignisse von 1504 in seinen Kindertagen selbst miterlebt hatte, sorgte für ein gesteigertes Interesse der Brettener Bürger an der Geschichte der Stadt und der damit verbundenen, zeitgenössischen Darstellung.
Kraft dieses Interesses und des Engagements der Bürger tummeln sich inzwischen Jahr für Jahr weit über 3.000 Menschen in Gewandungen und Uniformen beim traditionellen Festzug, der am Sonntag (03.07.) ab 14 Uhr durch das Herz Brettens führen wird. Dabei wird deutlich werden, welchen Stellenwert sowohl das Mittelalter, als auch die Biedermeierzeit in Bretten genießen. Nämlich einen außerordentlich hohen. Selten hat man die Gelegenheit, eine derart große Vielfalt historischer Gewandungen mit eigenen Augen zu erblicken und aus nächster Nähe zu erleben. Durch die Zweiteilung des Festzugs (zuerst ziehen die mittelalterlichen Gruppen durch die Straßen, danach die Bürgerwehren und Spielmannszüge der Biedermeierzeit) wird ein einheitliches Bild geschaffen, welches vor der wunderschönen Kulisse der Stadt Bretten umso heller glänzt. Natürlich wird auch der historische Ausfall von 1504 effektvoll in Szene gesetzt, wenn beim Simmelturm die Brettener ihre Württemberger Belagerer mit viel Geschrei, Pulverdampf und Waffengeklirre in die Flucht schlagen.
Abgerundet wird das Peter-und-Paul-Fest durch zahlreiche Angebote zeitgenössischer kulinarischer Natur, aber eben auch durch Handwerker wie Schmiede, Töpfer, Seifensieder und Zimmerleute, welche Einblicke in die Ursprünge und die Entwicklung ihres Handwerks geben.
Selbstredend gibt es beim Peter-und-Paul-Fest für Groß und Klein noch viel mehr zu erleben. Ein Besuch lohnt sich deshalb für Familien ganz besonders. Darüber hinaus kann man zu diesem Anlass auch selbst prima seine neuesten Gewandungen zur Schau stellen und sich somit nahtlos in das Gesamtkunstwerk einfügen.
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